Rabbiner Dr. Tovia Ben-Chorin über den Dialog der drei monotheistischen Religionen
Ein gedrungener Mann, brauner Anzug mit Krawatte, die Kippa auf dem kahlen Kopf: „Ich bin kein fotogener Jude“, schmunzelte Tovia Ben-Chorin gleich beim Eintreten, „kein langer Bart, keine Stirnlocken.“ Doch das hat der liberale Rabbiner auch nicht nötig, er ist auf den ersten Blick sympathisch.
Zu seinem Vortrag über den Dialog zwischen den drei monotheistischen Weltreligionen, Fundamentalismus und Glauben im Allgemeinen hatte sich die gesamte Kursstufe 1 eingefunden. „Wir sind sehr dankbar, Sie an der Schule begrüßen zu dürfen“, begann Simone Seelhorst die Veranstaltung. Der 80-Jährige sei extra aus der Schweiz angereist, um mit den jungen Menschen das Gespräch suchen zu können. Für Ben-Chorin nichts Ungewöhnliches: Er besucht noch im fortgeschrittenen Alter viele Veranstaltungen, hält Vorträge, tritt in den Medien auf. Sein Vater Shalom Ben Chorin, ein vor den Nazis nach Palästina entflohener deutscher Jude, war wohl sein größtes Vorbild: Er trieb trotz seiner Vergangenheit den christlich-muslimisch-jüdischen Dialog massiv voran, ein Thema, das sich auch Tovia Ben –Chorin auf die Fahnen geschrieben hat. Bis letztes Jahr sei er in Berlin beim Bau des „House of One“ tätig gewesen, einem realisierten Zeichen des Dialogs, denn Kirche, Moschee und Synagoge befinden sich unter einem gemeinsamen Dach. „Man kann darin nicht einfach in sein entsprechendes Gotteshaus gehen, man muss den Innenraum durchschreiten, trifft dabei auf Andersgläubige, tauscht sich aus, hat die Möglichkeit, auch in deren Gotteshäuser zu gehen.“ Genau das macht den interreligiösen Dialog für den Rabbiner aus: Austausch, sich respektieren, offen sein, voneinander lernen, Gemeinsamkeiten erkennen. „Die Religionszugehörigkeit heutzutage wird immer schwächer, umso stärker sollte man den Dialog voran treiben. Erst wenn ich meine eigene Position, meine Überzeugung jemand Andersdenkendem schildern muss, setzte ich mich wirklich mit ihr auseinander.“ Erst im eigenen Positionieren erkenne man das Wesentliche daran, erst durch Konfrontation mit anderen Ansichten könne sich das Eigene stärken. Entsprechend dieser Selbstbehauptung funktioniere Dialog: Man will den anderen nicht von der eigenen Meinung überzeugen, will nur in dieser respektiert werden und kann im Gegenzug auch die des anderen respektieren, ja vielleicht sogar Gemeinsamkeiten erkennen. „Christentum, Islam und Judentum haben sehr viel gemeinsam“, erkennt Ben-Chorin, „auf diese Dinge kommt es an.“ Man solle nur offen für die Differenzen sein, sie respektieren.
Der in Jerusalem geborene Rabbiner ist aus diesem Grund auch liberaler Jude, nicht orthodoxer. „Ich achte unsere Religion, bin aber eben auch offen für die anderen“, so seine Meinung. Der Name „Ben-Chorin“ bedeute „Friede, Sohn der Freiheit“, uns Menschen mache unsere Freiheit aus. Damit auch die Freiheit des Willens und Glaubens, seiner Ansicht nach das größte Geschenk. Glaube könne aber auch gegen die Freiheit wirken. „Das beste Beispiel aktuell ist die Terrormiliz IS“, sagt Tovia Ben-Corin, „dort wird Religion nicht mehr als Freiheit des Glaubens gelebt, sondern als Machtinstrument.“ Historisch gesehen sei Religion als Politik keine Ausnahme gewesen. „Im Namen der Religion wurden die größten Kriege überhaupt geführt.“ Die Grenzen zwischen Glauben und Fundamentalismus seien fließend: „Darum wieder meine Devise: Religion muss lebbar sein, dynamisch, dem Alltäglichen angepasst, sonst wird sie schnell fundamentalistisch.“ Kurz, anstatt aus Differenzen Ablehnung zu erschaffen, Abschottung aufgrund verschiedener Möglichkeiten zu glauben, solle man eben aus diesen Brücken schlagen, Achtung zeigen, womit sich der Gedanke des Dialogs wieder bestätigt.
Nachdem der Rabbiner dieses Lebensziel nach allen Kräften in verschiedensten Ausführungen verwirklicht und mit der Beteiligung beim Bau des „House of One“ diesem ein besonderes Augenmerk verliehen hat, ist er seit 2015 nun Rabbiner in einer Gemeinde St. Gallen. Dort lebt er seine Überzeugung weiter: „Die Gemeinde ist sehr traditionell geprägt, ich will mit meinen liberaleren Einstellungen dabei niemandem auf die Füße treten.“ Er passe sich nun eben ein bisschen an, organisiere aber auch schon viel, um den Dialog innerhalb der Religion voranzutreiben. „Frauen und Männer haben in der jüdischen Tradition immer noch sehr verschiedene Rollen. Ich versuche sie einander behutsam anzunähern, dabei aber immer noch dem traditionellen Bewusstsein treu zu bleiben.“ Oft sei der Dialog innerhalb einer Religion nicht viel leichter als der der unterschiedlichen Religionen miteinander.
Mit zahlreichen persönlichen Erfahrungen, die Ben-Chorin in seinen Überzeugungen bestätigt haben, gelang ihm ein mitreißender Vortrag, entsprechend untermalt durch passende Gestik und Mimik. Im anschließenden Gespräch mit den Schülern konnten Fragen aller Art gestellt werden, was ausgiebig genutzt wurde. Individuell ging der Rabbiner auf jeden ernsthaft ein und so fand der Morgen einen kurzweiligen Ausklang. „Shalom Chaverim“, das hebräische Friedenslied durfte am Ende natürlich nicht fehlen, worin dann, nach leichter Zurückhaltung auf Seiten der Schüler, auch herzlich mit eingestimmt wurde. Simone Seelhorst beschrieb das Singen im Judentum als Ausdruck des Gebets, gemeinsam konfessionsübergreifend gesungen, ein weiterer kleiner Schritt auf dem Weg zu friedlichem Dialog.
Text: Rebecca Rexroth (KS 1)
