„Icke bin Berlin“ – wohl jedem ist jener beinahe antike Satz präsent, wenn er an die Hauptstadt denkt. Die Stadt der steppenden Bären, der 168 Kulturen, der Kieze, der Currywurst… Die Stadt, in der sich Geschichte und Moderne die Hand reichen, sich Mahnmale grausamer Historie mit versöhnenden Alternativszenen und buntem Straßenbild ebenso die Hand geben wie Honecker und Breschnew beim legendären „Bruderkuss“, gemalt auf der Berliner Mauer.
Mit 42 Schülerinnen und Schülern und den begleitenden Lehrkräften Frau Huber, Frau Schweizer und Herr Staudacher steht die einwöchige Studienfahrt nach Berlin an. Nach langwieriger Fahrt durch die ehemalige DDR erreicht man gegen Abend die Straße des 17. Juni, die sich ihren Weg in die Großstadt bahnt. Wannsee, Grünanlagen und Parkgelände, der erste Eindruck verheißt städtische Behaglichkeit. Und wider Erwarten schwindet diese auch nicht zu Gunsten der riesigen Hochhäuser, der Plattenbauten, dem rasenden Verkehr: Wie eine gründurchzogene Insel liegt Berlin mitten in der fruchtbaren Spree-Ebene. Vorbei an der Siegessäule, dem Schloss Bellevue , dem markanten Brandenburger Tor hinein in den Großstadtdschungel: Blinkende Ampeln, Fahrradfahrer, hupende Motorräder, die Tram bahnt sich unbeeindruckt ihren Weg, Menschen unterschiedlichster Hautfarben und Kleidungsstils, dazwischen moderne
Glasbauten, aufgeregte Graffiti- Kunstwerke nebst ruhigen, unerschütterlich althistorischen Monumenten. Man wohnt im A&O –Hostel im beschaulichen Hinterhof bei Friedrichshain, das abgesehen von maroden Betten und wachpostenartiger Security mit reichhaltigem Frühstücksbuffet punktet. Gegenüber der „Vöner“, Biomarkt gefolgt von Shishabars, internationalen Restaurants und schnuckeligen Läden, Kneipen und Imbiss, der Standort könnte nicht besser sein. Jeden Morgen geht es mit der S-Bahn von der prägenden Haltestelle „Ostkreuz“ in die City, die dankbaren Ganztages-Tickets für alle Verkehrsmittel ermöglichen „unbegrenzte Reisefreiheit“. Denn dieser bedarf man dringend: Das hohe Pensum an Freizeit, das mit einem Augenzwinkern jede Nacht um 24.00 Uhr seinen Schlusspunkt findet, will natürlich ausgiebig genutzt sein. So lässt sich die Berliner Großstadtszene auch abseits vom lehrreichen Studienprogramm erspüren: Kulinarische Köstlichkeiten aller Nationen, rauchige Studentenkneipen, noble Clubs, ungewohnte Shopping-Angebote, orientalische Basare, weltoffene Menschen, interessante Bekanntschaften, jenes Berlin hinter Fernsehturm und Bundestag. Eindrucksvoll und beschämend zugleich gestaltet sich beispielsweise der drastische soziale Unterschied der hier Lebenden: Während im Ku´damm Schaufensterauslagen im fünfstelligen Bereich zu bewundern sind, bevölkern in Kreuzberg oder Neukölln unzählige Obdachlose die Straßenränder, erschüttern Produktangebote zu Spottpreisen.
Aber auch dem vorgegebenen Studien-Programm konnte wohl jeder etwas abgewinnen: Ob bei der Bootsfahrt auf der Spree durchs Hafengelände nach Berlin Mitte, der „etwas anderen“ Erkundungstour „Berlin by bike“ oder dem kurzweiligen Spaziergang durch den Kiez Kreuzberg erlebte man die Stadt in ihrer Gesamtheit, aus unterschiedlichsten Perspektiven. Konkrete Anhaltspunkte waren beispielsweise der Besuch des Bundestags, die Aussicht von der zugehörigen Glaskuppel bei Sonnenuntergang, eine lebendige Führung mit „Lobby Control“ durch die unterschiedlichen Lobbygruppierungen oder ein Gespräch mit einem Vertreter des Bodenseekreis- Abgeordneten Lothar Riebsamen.
Was wohl jedem aus Politikbücher- Grafiken mehr oder weniger präsent war, konnte beim „Planspiel“ im Bundesrat aktiv erlernt werden: Am Thema „Legalisierung von Cannabis“ ließ sich von den Schülern die Abstimmung einzelner Bundesländer zur Erlassung eines Gesetzes spielerisch umsetzen. Neben politischer Bildung kam aber auch die Historie der geschichtsträchtigen Hauptstadt nicht zu kurz: Mit dem Besuch des ehemaligen Stasi- Gefängnisses Hohenschönhausen wurde Geschichte lebendig, eindrucksvolle Räumlichkeiten und persönliche Erfahrungen ehemaliger Häftlinge beschworen das Grauen eines Zeitalters herauf, das nur weniger als 30 Jahre zurück liegt. Checkpoint Charlie, beklemmende Mauerreste, heruntergekommene DDR-Bauten, noch überall ist die Teilung der Stadt spürbar, im Leben unzähliger Menschen unauslöschlich verankert. Geschichtlich nicht viel weiter zurück liegt der Terror des NS-Regimes, Auslöser des späteren 2. Weltkriegs. Die ehemalige SS-und Geheimdienst- Zentrale nebst dem Reichsicherheitshauptamt wurde im Kalten Krieg vernichtet, anstelle dessen veranschaulicht die Ausstellung „Topografie des Terrors“ die Schrecklichkeiten des Dritten Reichs, dessen Besuch ein weiterer Programmpunkt war. Einen Nachmittag hatte jeder Schüler dann die Möglichkeit,
sich beim Besuch der Museumsinsel im breitgefächerten Museenangebot individuell auszutoben: Ob Deutsches Historisches Museum, Neue Kunstgalerie, Neues Museum, Pergamon-Museum, es gab für jeden Geschmack etwas zu entdecken. Krönender Abschluss der kurzweiligen Studienfahrt stellte ein Wahlprogramm zum letzten gemeinsamen Abend dar: Die eine Hälfte der Schüler erlebte Shakespeares gewaltiges „Macbeth“ im „Monbijoutheater“, die andere wohnte als Zuschauer der Polittalk- Sendung Maybrit Illners zur Flüchtlingsthematik bei.
Eine Woche, die Zeit verfliegt schnell, besonders im pulsierenden Berlin. Gefüllt mit unvergesslichen Erinnerungen, Erkenntnissen und lebendig gewordenem Wissen verlässt man die Hauptstadt. Eine Stadt, die sichtbar macht, was Deutschland ausmacht, die aus historischen Grausamkeiten gelernt, gelebte Demokratie bedeutet, die zeigt, was es heißt ein Volk zu sein, die darstellt wie ein harmonisches Zusammenleben zahlreicher Kulturen ablaufen kann, die zeigt, dass Vergebung funktioniert.
Ein ganz herzliches Dankeschön geht in diesem Sinne an die begleitenden Lehrer, die uns mit der Zusammenstellung diese bunten Programms, viel Vertrauen und Humor, eine solch beeindruckende Reise ermöglicht haben!
Text: Rebecca Rexroth
