Anlässlich des Europatags Anfang Mai war ein Besuch vom Landtagabgeordneten Baden-Württembergs Martin Hahn geplant. An diesem Tag finden jährlich zahlreiche Veranstaltungen mit dem Schwerpunkt EU-Politik statt, Hauptziel ist es aber auch, der Bevölkerung Einblicke in alle möglichen politischen Bereiche zu ermöglichen. Thema des Besuchs von Martin Hahn bei allen zehnten Klassen des Gymnasiums sollte die individuelle Entwicklung des ursprünglich aus Stockach kommenden Landwirts sein, die derzeitigen politischen Aufgabenfelder und Interessen seiner Partei, den Grünen. Im Rahmen des Fachs Gemeinschaftskunde bereiteten sich die zehnten Klassen mit dem Erstellen von Fragenkatalogen auf den politischen Gast vor. Die Enttäuschung war groß, als Herr Hahn kurzfristig absagen musste, um einen Koalitionsvertrag zu unterzeichnen. Doch mit genau einer Woche Verspätung konnte die Veranstaltung dann doch stattfinden. Begonnen wurde mit der persönlichen Lebensgeschichte Martin Hahns. Er wuchs auf einem Hof in Stockach auf und übernahm diesen nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung – der Schwerpunkt liegt dabei auf einem ökologischen Anbau nach den Demeter-Richtlinien.  „Ich habe anthroposophisch bewirtschaftet, hatte also schon immer ähnliche Grundsätze, wie ich sie heute als Landtagsabgeordneter vertrete.“ Seit 1983 ist er bei den Grünen und gehörte bis 1991 deren baden-württembergischem Landesvorstand an. 2004 wurde Hahn in den Kreistag des Bodenseekreises gewählt, 2011 in den Landtag und darin dieses Jahr bestätigt. Martin Hahn erzählte, wie er sich entschloss, einer Partei zuzugehören: „Meiner Meinung nach muss man als Parteimitglied nie alle Interessen der entsprechenden Partei vertreten“.  Das sei gar nicht möglich, es könnten ja nicht alle Mitglieder genau die gleichen Interessen und Ziele verfolgen: „Man muss seine Ideale und Vorstellungen behalten. Einige davon stimmen mit denen einer passenden Partei überein. Und genau auf die, die individuell, aber auch mit der Partei übereinstimmen, kommt es an.“ Er selbst stimme auch nicht allem bei, was die Grünen unterstützen, aber er versuche, sich weit möglichst anzupassen. Er liebe Politik. „Mit Politik kann man verändern.“ Politiker sei kein Beruf in dem Sinne, Politiker könne man nicht lernen, das müsse man sein. Je mehr Lebenserfahrung, vor allem auch praktische, man habe, desto besser sehe man die eigentlichen Probleme und finde eher Wege, etwas zu verändern, als wenn man weit entfernt vom alltäglichen Leben lebe und meine, die Welt von oben verändern zu können. Seine Tätigkeit als Landwirt habe ihn geprägt. Er habe es sich von Anfang an zu Herzen genommen, umweltfreundlich zu agieren, ökologisch anzubauen und eins mit der Natur zu sein. Und genau diese „Herzensangelegenheiten“ bringt er jetzt politisch nahe, will sie im Großen umsetzten und betreibt dafür Politik, meldet sich zu Wort, wird gehört. Die zahlreichen Stimmen bei den Wahlen im März hätten ihn in seinem Tun bestätigt, dass „Grüne Politik“ Zukunft hat. Diese Politik näher hinterfragen konnten nun die Schüler selbst. Wie er denn zum Bildungsplan in Baden-Württemberg stehe, was seine Einstellung zu den Flüchtlingen sei, wie er Gesamtschulen betrachte, seine Auffassung zu bestimmten lokal-politischen Geschehnissen. Die Idee der Gesamtschule beispielsweise unterstütze er, seine vier, inzwischen erwachsenen Töchter, hätten alle die Waldorfschule besucht und er finde die Idee gut, dass die unterschiedlichsten Individuen und Talente gemeinsam arbeiten können. „Praktisch veranlagte mit Hochbegabten, Musikalische mit Sportassen, alle können vom anderen lernen und sich in dieser Vielfältigkeit frei entwickeln.“ Zum aktuellsten Thema, der Flüchtlingskrise, hat Hahn auch eine Meinung: „Dem Bodenseekreis werden zahlreiche Flüchtlinge zugeteilt, meist nur für zwei Jahre in Gesamtunterkünften. Man muss dieses Problem gemeinsam stemmen, denn es ist so oder so da, wieso sich davor verschließen, wenn man sowieso momentan nichts daran ändern kann?“ Die Schüler gingen nach und nach eifrig auf die Themenpunkte ein und diskutierten auch untereinander. Man kreiste schwerpunktmäßig um einige dieser Themen und es war interessant zu sehen, welch unterschiedliche Ansichten vertreten wurden. Mit der Frage, wie der Landtagsabgeordnete der Grünen denn zur Legalisierung des Cannabis-Anbaus stehe, und der, die Schüler zum Grinsen bringenden Antwort, lockerte sich die Atmosphäre und die anderthalb Stunden endeten in plaudernd offener Runde. Frau Seelhorst bedankte sich im Namen des Gymnasiums herzlich bei Herrn Hahn für den interessanten Vormittag und die Möglichkeit, den Schülern einmal direkten und echten Kontakt zur „Politik“ ermöglicht zu haben.
Rebecca Rexroth (Klasse 10)