Lesung von Peter Stamm für die Kursstufe 2 am 22.10.2015 am Gymnasium Überlingen
„Man muss nicht Bücher lesen, um ein gescheiter Mensch zu sein!“
22.Oktober 2015
09:15Uhr: Ein Schweizer Auto nähert sich dem Parkplatz unseres Gymnasiums Überlingen. Die Tür geht auf und Peter Stamm steigt aus.
09:40Uhr: Es geht los: Der bekannte Autor Peter Stamm liest uns die beiden Kapitel 15 und 16 aus seinem ersten erfolgreichen Werk „Agnes“ vor.
09:50Uhr: Die ersten Hände schießen in die Luft und wir stellen Fragen an den offenen Schweizer: Was war Ihre Inspiration, Schriftsteller zu werden? Wollten Sie „Agnes“ autobiographisch schreiben? Sind Sie der Meinung, dass sich ein schriftstellerisches Talent in der Deutsch-Note niederschlägt? Wie war Ihre Deutsch-Note?
Auf die Frage, ob er manchmal Interpretationen lese, antwortet Peter Stamm mit einem klaren „Nein!“. Er begründet dies so, dass er durch die Lektüre eine Welt geschaffen habe, in die sich der Leser beim Interpretieren begebe. Er fügt an: „Die einzig richtige Interpretation gibt es nicht. Nicht einmal von mir!“
Auch die Tatsache, dass der männliche Protagonist im Roman keinen Namen hat, begründet er damit, dass es nicht um den Ich-Erzähler, sondern um die namensgebende Agnes gehe.
Während der Unterhaltung wird manch eine wunderbare Interpretation zerstört, beispielsweise die Theorie eines Deutschkurses, welcher eine Begründung für die Stockwerkzahl 27 der Wohnung des Ich-Erzählers im Roman „Agnes“ fand. Peter Stamm begründet diese Wahl keinesfalls mit der Mythologie, sondern damit, dass ihm die Zahl 25 zu normal und alle Zahlen ab 30 zu hoch erschienen. „Die 27 ist einfach eine schöne Zahl…“
Für alle Schreibbegeisterten gibt Peter Stamm den Tipp, das Schreiben und Verfassen von Texten mit voller Kraft und Motivation auszuprobieren. Er vergleicht den Werdegang eines Schriftstellers mit dem eines Musikers: Man müsse sich entscheiden, ob man es als Hobby oder als Beruf machen möchte – für ihn habe beides seine individuellen Reize! Doch in seinem Fall war es bereits mit einem Alter von etwa 20 Jahren klar, dass er Schriftsteller werden wollte. Nach einer kaufmännischen Lehre holte er sein Abitur in der Schweiz nach und studierte unter anderem Philosophie und Literaturgeschichte. „Ich habe vor „Agnes“ zwei oder drei schlechte Romane geschrieben“, erzählt er uns grinsend, bevor er von einer weiteren Frage bezüglich des Handlungsorts Chicago abgelenkt wird: Peter Stamm lebte einige Zeit in Chicago und eine seiner ersten Entscheidungen war laut eigener Aussage, die Geschichte an diesem, für ihn bekannten Ort spielen zu lassen.
Eine weitere Frage bezieht sich auf die 25 Übersetzungen des Romans: Die Frage „Sind Sie darauf stolz?“ wird von Peter Stamm mit „Naja, ich freue mich drüber… Aber vermutlich bin ich stolz, ja!“ beantwortet. Trotz allem Erfolg hat Peter Stamm keine Fortsetzung des Romans in Sicht, da es sich dabei um ein Kunstwerk handle, das allein stehen und abgeschlossen sein muss.
Insgesamt war es für uns alle eine sehr interessante Erfahrung, sich mit einem Autor persönlich über sein Werk auszutauschen. Fasziniert hat uns an Peter Stamm vor allem seine offene und natürliche Art: „Macht Sie das stolz, dass Agnes unsere Abilektüre ist?“ – „Naja, stolz bin ich darauf nicht unbedingt, Sie werden ja gezwungen es zu lesen! Außerdem ist es so, dass sich die Bewertungen bei Amazon verschlechtert haben seit es Pflichtlektüre für das Abitur ist… – Aber im Ernst, die Abi-Verwendung ist besser als jeder mit Geld dotierte Literaturpreis, denn so bekomme ich Leser, das ist das Wichtige – und erst im zweiten Schritt damit natürlich auch Geld!“
Sarah Walter und Sophie Strehl
