Georg Büchner in allen Facetten auf der Bühne dargestellt

Georg Büchner (1813-1837), der hessische Schriftsteller und Revolutionär steht mit „Dantons Tod“ als Schwerpunktthema für das Deutsch-Abitur 2016 auf dem Lehrplan. Da passte es gut, dass der diesjährige Abiturjahrgang des Gymnasiums Überlingen Gelegenheit hatte, in der eigenen Schule nicht nur Büchners bekanntestes Werk zu erleben, sondern auch in einer ganz speziellen Aufführung über Gesamtwerk und Denken des Autors einiges zu erfahren.
Das in Karlsruhe ansässige Profitheater ‚THEATERmobileSPIELE‘ widmet sich mobilen Theaterproduktionen und will damit in Klassenzimmer-Aufführungen den Schülern physisch und psychisch ganz nahe sein. Das gelang dem Regisseur Thorsten Kreilos und dem Ein-Mann-Schauspieler Cornelius Nieden in beeindruckender Weise. Die Intimität dieser Nähe und die emotionalen Spielmomente bewirkten, dass die 60 Abiturienten eine Stunde lang mit gespannter Aufmerksamkeit der Inszenierung „büchner.die welt.ein riss“ folgten. Eine Collage von Texten aus Büchners Briefen und Passagen aus der Erzählung „Lenz“ und den Dramen „Woyceck“ und „Dantons Tod“ zeigten den mit 23 Jahren verstorbenen Dichter, Mediziner und Revolutionär des deutschen Vormärz als einen biographisch und topographisch zwischen Frankreich, Schweiz und dem damaligen Deutschland zerrissenen Menschen.
Hinter der mit Jutebahnen verhängten Bühne, die sich Stück für Stück öffnete, erklang zu Beginn und am Ende das von Trommeln begleitete Revolutionslied ‚An die Laterne‘. Davor lag als Puppe das tote Menschenkind, über das Lenz in Verzweiflung gerät und laut hinausschreit „Steh auf und wandle“, aber kein Gott hilft. Das tote Kind als Riss in der Schöpfung, und aus dem Bühnenvorhang greift die Hand des Atheismus. Schlag auf Schlag folgen die Szenen und Zitate aus Büchners Werk. Cornelius Niedens Verwandlungen in Stimme, Gestik und Rollen sind eine Hochleistung an schauspielerischer Konzentration und Ausdruckskraft. Dies insbesondere bei der zentralen politisch-menschlichen Auseinandersetzung zwischen Danton und Robespierre im rasanten Hin und Her des tugendhaften Ideologen Robespierre im roten Mantel, „es geht um die Republik, er muss weg“ und Danton im Blut befleckten Hemd, „deine Tugend, ein Absatz meiner Schuhe“. Und dann Danton vor seiner Hinrichtung auf der Guillotine, der „Ruhe im Nichts“ sucht und die „Welt als Chaos im Nichts“ sieht – ein dramatischer Höhepunkt. Dagegen satirisch die Lächerlichkeit des debilen hessischen Landesfürsten mit der Burger King-Krone auf dem Haupt und Büchners Kommentar „Willkür, die Gesetz heißt“, die ihn zum Revolutionär werden ließ und der im ‚Hessischen Landbote‘ 1834 die Parole ausgab, „Frieden den Hütten, Krieg den Palästen“.
Nach der Aufführung hatten die Schüler Gelegenheit mit Regisseur Kreilos über die Strukturen zur Zeit Büchners und Bezügen zur Gegenwart zu diskutieren anknüpfend an Büchners Zitat „weil wir im Gefängnis geboren sind, im Loch, merken wir nicht, dass wir Gefangene sind“.
Lothar Fritz

Buechner
Cornelius Nieden in der Rolle Dantons in der Klassen-Aufführung vor Abiturienten des Gymnasiums Überlingen