Einen Schuljahresabschluss der etwas anderen Art bot das Ausflugsangebot „Carmen“, die neue Oper der Bregenzer Festspiele. Theaterlehrerin Linda Orlowsky hatte die Ausfahrt für Schüler ab der Klassenstufe 8 angeboten, ein Programmpunkt, der großen Anklang fand. Etwa 50 Schülerinnen und Schüler und mehrere interessierte Lehrer nahmen am vorletzten Schultag die Möglichkeit wahr, in die faszinierende Welt der „Carmen“ und die ganz besondere „Seebühnen-Stimmung“ einzutauchen. Per Bus ging es abends nach Bregenz, Vorfreude mischte sich mit bösen Ahnungen, war doch die Witterung recht unberechenbar, die Möglichkeit des Veranstaltungs-Abbruchs stand jederzeit drohend im Raum. Allen Befürchtungen zum Trotz aber begeisterten die ausdauernden Akteure, eisern und scheinbar unbeeindruckt der widrigen Bedingungen, ließen sie eine überwältigende Opernwelt entstehen, was wohl einzig leidenschaftlichstes Engagement vermag.
Carmen, begehrt und beneidet, schön und schrecklich, sie mischt die Karten des wirren Spiels, hat die Fäden in der Hand und endet dennoch machtlos. Die fesselnde Ausarbeitung des Bühnenbilds durch Künstlerin Es Devlin hätte die Thematik der Tragödie nicht besser konkretisieren können. Zwei Frauenarme, vernarbt und tätowiert ragen aus den Tiefen des Bodensees, rot lackierte Finger wirbeln Spielkarten durch die Luft, die glimmende Zigarette scheint essentiell. Gigantische Technik, stimmige Beleuchtung, gewinnende Animationen: Das Bühnenbild findet sich in einem steten Wechselbad, einem die Thematik perfekt ergänzenden Szenario. Hauptanliegen ist hier der konkrete Einbezug des Bodensees, was meisterhaft gelingt: Im Wasser versinkende Akteure, beherzte Schwimmeinlagen, Kletterakrobatik, Spiegelungseffekte, anlegende Boote, schwappende Wellen…
Die Oper Georges Bizets in ihrer ursprünglichen französischen Fassung, die Umsetzung jedoch scheint außerordentlich innovativ. Handlungsort ist das spanische Sevilla, die Stadt der Toreros und Zigeunerinnen, der Leidenschaft und Eifersucht. Die attraktive Carmen arbeitet in einer Zigarettenfabrik und wickelt mit Schönheit und Temperament jegliche Männer um die Finger: „Die Liebe ist wie ein Zigeunerkind“, so ihre Philosophie. Frei und unzähmbar, ein wilder Vogel, so die Liebe. Ihrem Motto getreu wechselt Carmen ihre Liebhaber nach Lust und Laune: Wer sie liebe, den liebt sie nicht, wer uninteressiert, dem sei sie verfallen. So auch der Leutnant Don José, dessen Desinteresse sich bald in blinde Leidenschaft verwandelt. Doch wo Liebe ist, da ist auch Eifersucht: Der berühmte Stierkämpfer Escamillo und Don José steigern sich in eine wilde Konkurrenz. Schuld allein trägt Carmen. Identisch zum Bühnenbild und letztendlich als Wendung ihres Schicksals mutet jene Szene an, in der Carmen sich selbst die Karten legt: Ihren düsteren Zukunftsaussichten, die der Tod dominiert, begegnet sie gelassen: Karten sagen immer die Wahrheit. Und wie geahnt findet die schöne Zigeunerin ihren Tod im Wasser des Bodensees; die jähzornige, beherrschende Eifersucht hat ihren ehemaligen Geliebten Don José zu dieser Tat getrieben.
Virtuose Klänge, facettenreiche Ausführungen; die mitreißende Musik Bizets fasziniert immer aufs Neue. Wunderbare Stimmen, schauspielerische Höchstleistungen, farbenfrohe Kostümierung und das gewaltige Bühnenbild sorgten im Vielklang trotz widrigster Wetterbedingungen für einen unvergesslichen Abend.

Rebecca Rexroth