Im Geschichtsunterricht, in Filmen und Büchern wird die Zeit, als Deutschland noch geteilt war, intensiv und immer wieder behandelt. Für den Zuhörer, Leser oder Zuschauer, in diesem Fall für uns Schüler, besteht in der Regel dennoch eine gewisse Distanz zu dieser Zeit.
Wenn man jedoch einer Zeitzeugin direkt gegenüber sitzt und ihrer unglaublichen, beeindruckenden und erschreckenden Lebensgeschichte lauscht, kann man sich dem nicht mehr entziehen.

dsc_1195Ein vorangegangenes Seminar für die Schülerinnen und Schüler des vierstündigen Geschichtskurses zeigte vor allem diesen Schülern noch einmal deutlich den Unterschied zwischen historischen Fakten und Lebensgeschichten. Niels Dehmel von der „Deutschen Gesellschaft e.V.“ frischte unser Wissen über das „Leben im doppelten Deutschland“ auf und erweiterte es durch neue Fakten und Beispiele.
Unter anderem ging es um die Auswirkungen des Konfliktes zwischen den USA und der Sowjetunion auf unsere heutige Zeit, die Arbeitswelt und die Rolle der Frau in der DDR im direkten Vergleich zur BRD oder auch „typisch Wessi, typisch Ossi“. Mit Kopfschütteln und Empörung reagierten insbesondere die Schülerinnen auf einen Werbespot der damaligen BRD, in welchem die Werbefrau sich genau zwei Lebensfragen stellte: „Was soll ich anziehen und was soll ich kochen?“
Aus heutiger Sicht nicht mehr nachzuvollziehen und beinahe schon diskriminierend, damals wohl aber üblich. Ein anderer, mit großem Erstaunen gehörter Text eines Kinderliedes aus der DDR lautete: „Wenn ich groß bin, gehe ich zur Volksarmee“. Darin kommen Gedanken und Einstellungen zum Ausdruck,  die den Schülerinnen und Schülern hier und heute so fern sind und dennoch nicht allzu weit in der Vergangenheit liegen. Die unglaublichen Veränderungen von damals zu heute verdeutlichte uns der sich anschließende Zeitzeugenvortrag.
Selten war es in den Reihen der Zuhörer so still wie bei Konstanze Helbers Vortrag, als sie persönlich von ihren Erlebnissen zur Zeit des „doppelten Deutschlands“ berichtete.
Sie erzählte, wie ihre Angewohnheit,  vieles kritisch zu hinterfragen, ihr in der DDR beinahe den Schulverweis einbrachte und sie um die Zulassung zum Abitur und um ihr Traumstudium Medizin brachte. So war sie auch im weiteren Verlauf ihres Lebens nicht regimegetreu, was für sie nicht mehr und nicht weniger bedeutete, als dass sie das politische System und die Einschränkungen nicht akzeptieren wollte, und machte sich dadurch zu einem Überwachungsobjekt der Stasi. Ihre vermeintlich beste Freundin gehörte – und das erfuhr sie erst 2014 –  zu den informellen Mitarbeitern (IM) und hatte alles aus ihrem Leben dokumentiert. Konstanze Helber erzählte von ihrer gescheiterten Flucht in den Westen und ihrer anschließenden Gefangenschaft im Frauengefängnis Hoheneck. Während sie von ihrem Aufenthalt in diesem Frauenzuchthaus berichtete, lauschten wir Schülerinnen und Schüler sprachlos und ungläubig ihren Schilderungen der Zustände. Zwar hatten wir schon viele Male von solchen Schicksalen und Ereignissen gehört und gelesen, aber sie von einer betroffenen Person erzählt zu bekommen, erzeugte eine viel tiefere Betroffenheit und ließ unsere Gedanken auch nach dem Vortrag um Konstanze Helbers Geschichte kreisen. Auch zuhause standen viele noch so sehr unter dem Eindruck ihrer Lebensgeschichte, dass diese in unsere Familien weitergetragen wurde.
Die Möglichkeit zu haben, Einblicke in ein so wichtiges und schwieriges Stück deutscher Geschichte durch eine Zeitzeugin zu bekommen, ist ein großes Glück. Bleibt zu hoffen, dass auch zukünftige Generationen noch lange diese Möglichkeit haben und nutzen werden.

Text und Fotos: Hanna Rosebrock